LIEBSTE PRINZESSIN LEBEN
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(Darling Princess Life)
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Das Filmmagazin Schnitt #57/ 01.2010

Rollenspiele

Autor: Dietrich Kuhlbrodt

Im letzten Vierteljahr hatte ich das Vergnügen, diverse Rollen zu verinnerlichen. Nietzsche auf der Ampere-Bühne in München (Tobias Bühlmann). Karl Marx (als Kritiker der Karl-Marx-Saga im Thalia-Theater Hamburg). Dostojewskij in der Rolle des Staatsanwalts Porfirij in der Vortragsperformance Duell Porfirij vs. Raskolnikoff (Verbrechen und Strafe in der Design Factory Hamburg-St. Pauli). Karl May im Thalia-Theater Hamburg (Rauchzeichen aus Radebeul, Regie Jonas Zipf). Ich bin ja kein Profi, ich hak das nicht ab. Alles steckt in mir. Eine Vielheit. Identitätsvielheit macht Lust. Lust auf Amoklauf. Zarathustra empfiehlt das, wenn man durch allzu viel Erkenntnis zu Boden gebracht wird (wie das Kamel in der Wüste). Wer schlägt die akademische Belastung tot? Der Wille in einem, so man auf ihn hört, ist der beste Totschläger. Der schlägt schließlich auch den Tod noch tot. Praktischer Ratschlag von Nietzsche: niemals mit offenem Mund schlafen. Sonst kriecht dir noch die akademische Schlange in den Mund, ca. 15 cm lang, und beißt sich fest. Rausziehen geht nicht. Abhilfe: Kiefer aufmachen und mit allen Kräften, die du hast, zusammenhauen. Ist der Kopf ab, wird alles gut.

Weiter. Karl Marx heute. Niemals auf das hören, was schlaue Leute sagen. Die aktuelle Rezeption will dich nur vom richtigen Weg abbringen, auf dem du doch warst. In „Reitet für Deutschland“ drehten fiese Welschländer die Wegweiser um, dass Willi Birgel in die Irre ritt. Das sah ich als Zwölfjähriger in einem Kino in Nazi-Zittau, und das vergess ich nicht.

Das war die Zeit, in der wir heimlich Karl May lasen und mit Lust & Wonne in eine komplette Parallelwelt tauchten. Sitara, das Paradies der Edelmenschen! Da kann einer wie Arno Schmidt noch so viel interpretieren. Den deutschen Mythos ficht das nicht an. Klar gibt es mittlerweile ein Superangebot von Parallelwelten. Auf der Bühne im Thalia-Theater war es eine handgemachte. Eine Live-Video-Übertragung unter Einsatz einer Kamera, ohne Benutzung eines Bandes oder sonstiger Vorfertigung. Die Kamera (Jonas Zipf) fuhr, wie man sehen konnte, einen Tisch ab, auf dem Streichholzschachteln und ähnliches lag, zoomte hier und da und projizierte Eisenbahnwagen, Indianer, Winnetou und Old Shatterhand auf das Bühnenportal, vorausgesetzt, man machte mit. Ein Film als Einmalereignis. Nix zu archivieren und zu analysieren. Es geschah. Das wars. Die Zuschauer waren begeistert. Wie früher als Zwölfjährige.

Begeisterung. „Blutjung“, so wird der Student Raskolnikoff (23) von Dostojewskij vorgestellt, durchaus mit abschätzigem Unterton (Dostojewskij distanziert sich von der eigenen revolutionären Vergangenheit). Ihm wird ein „älterer Mann“ gegenübergestellt: Staatsanwalt Porfirij (35) und damit „die Natur“, die es richtet, wenn junge Leute meinen, mit Attentaten und ähnlichen Verbrechen eigene Theorien durchsetzen zu müssen (konkret geht es darum, fiesen Geldabschneidern die Kehle durchzuschneiden). Was Porfirij einsetzt, ist allerdings seine eigene, spezielle Natur. „Weibisch“, also tuntenhaft, betatscht er den jungen Mann, besucht ihn auf der Studentenbude „auf ein Zigarettchen“ und scharwenzelt um ihn herum. – Als ich soweit war, regte sich Protest unter den zuhörenden Dostojewskij-Professoren. Als „Magisterarbeiten“ taten sie meine Quellen ab. Dabei hatte Marina Naumann von der University of Pennsylvania aufgezeigt, dass Porfirij den blutjungen Menschen mehrfach penetriert hatte. Also aufpassen, wenn die Alten was von einem wollen!

Und jetzt zu mir. Was hat das alles mit Film & Schnitt zu tun? Antwort: ich würde gern aus dem, was in einem Vierteljahr alles an Identitäten in mir angedockt ist, einen Film machen. Oder kennt jemand so einen? Wenn nicht, dann könnte ich mir ein lustiges Drehbuch vorstellen, eine fantastische Regie und Produzenten mit viel Geld. Wär doch was! Ich will auch kein Geld haben, und alle beuten sich selbst aus. No-Budget-Filme dieser Natur gibt es sicherlich, ohne dass ich sie jetzt wüsste. Aber einen hab ich grad gesichtet. Und das ist der Kurzfilm „Liebste Prinzessin Leben“ von Emmanuelle Collinet. Topprofessionell gemacht. Sauber inszeniert und klasse gespielt. So richtig was für Festspiele und für Salzgeber. Weder Trash noch intellektuelle Anstrengung müssen sein, wenn es um die schöne Vielheit der Identität, der mit Recht sogenannten multiplicité d’identité, geht. Angebote bitte über die Redaktion von Schnitt oder per Facebook an mich und Emmanuelle Collinet.

Dietrich Kuhlbrodt

First Screening

21.11.2009 at 21 Hrs

Moviemento

Kottbusser Damm 22 10967 Berlin

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